Die Biographie des Kroaten Nikola P.

Es kann interessant sein, die Biographie eines jetzt siebzig Jahre alten Kroaten zu lesen. Ein gewisser Zeitaufwand ist dazu allerdings erforderlich.

Mein Name ist Nikola P. und bin am 30.3.1939 in einem ganz kleinem Dorf, man kann auch Weiler sagen, im Landesinneren von Kroatien, als zwölftes Kind meiner Eltern geboren worden. Sie hießen Mate P. (geb. 1898 in einem Nachbardorf) und Anna P. (geb. 1897 in dem Haus in dem wir lebten).

Beide sind also zu einer Zeit geboren worden, als dieses Gebiet zum Königreich von Kroatien, Dalmatien und Slawonien gehörte, dessen König der Kaiser Franz Josef I. von Österreich war. Es wurde aber nicht von Wien, sondern von Budapest von den Ungarn verwaltet, welche zu dieser Zeit versucht haben, dass die Einwohner von Kroatien magyarisiert werden. Das hatte damals zu erheblichen Unruhen unter der Bevölkerung geführt und auch in der Gemeinde in der meine Eltern lebten, ist es zu Aufständen gekommen. Viele Einwohner sind in dieser Zeit mit Hilfe der Ungarn, nach Amerika ausgewandert. Priester waren ihnen dabei behilflich, weil sie die Einzigen in der Gegend waren, die lesen und schreiben konnten. Die Eltern meiner Eltern sind aber nicht ausgewandert.

Ganz allgemein war ihr Leben von einer heute unvorstellbaren Armut geprägt. Informationen haben sie nur vom Pastor oder auch schon einmal von Durchreisenden, die auf dem Weg aus dem Landesinneren zur Küste waren erhalten. Zeitungen konnten sie nicht lesen, weil sie nie eine Schule besucht haben.

Als am 28. Juli 1914 mit der Kriegserklärung von Österreich-Ungarn an unser Nachbarland Serbien der erste Weltkrieg ausgebrochen ist, war mein Vater gerade erst einmal 16 Jahre alt. Obwohl er keine militärische Ausbildung besessen hatte, ist er nach kurzer Zeit zum Kriegsdienst einberufen und an der italienischen Front eingesetzt worden. Dort war der Krieg erbarmungslos und er erzählte später häufig, dass er sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, ergeben hat.

Am Ende des Krieges ist er, nach kurzer italienischer Gefangenschaft, unverletzt wieder in sein Heimatdorf und Elternhaus zurück gekommen. In einem etwa 12 Kilometer entfernten Steinbruch fand er dann eine schlecht bezahlte Arbeitsstelle, bei dem er mit primitivem Handwerkszeug dabei geholfen hat, die Steine zu fördern, die an dem in unmittelbarer Nähe befindlichem Bahnhof auf Eisenbahnwaggons verladen worden sind. Jeden Tag musste er den Weg zur und von der Arbeit, zu Fuss zurücklegen. Kaum zu Hause angekommen, musste er auch noch in der Landwirtschaft seiner Eltern helfen.

Meine Mutter, die einziges Kind ihrer Eltern war, hat in deren Haushalt und Landwirtschaft gearbeitet. Diese drei Personen waren praktisch Selbstversorger und im Sommer und Herbst musste dafür gesorgt werden, dass für die Zeit über den Winter, genug zum Essen vorhanden war.

Die politischen und staatlichen Verhältnisse haben sich in der damaligen Zeit sehr stark verändert und 1918 war, ob sie es wollten oder nicht, das neue Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen entstanden.

Die allgemeinen Lebensverhältnisse haben sich nicht geändert und heute bezweifele ich, ob meine Eltern damals überhaupt richtig wahrgenommen haben, dass sie in einem neuem Staat gelebt und unter der Herrschaft eines Königs gestanden haben, der aus einer serbischen Dynastie abstammte. Die Armut blieb unverändert in dieser Gegend.

Trotz dieser unermesslichen Armut haben es sich die Menschen nicht nehmen lassen, besonders an kirchlichen Feiertagen zu feiern. Meine Eltern kamen aus verschiedenen Weilern, innerhalb einer Gemeinde. Zu solchen kirchlichen Feiern musste mein Vater immer “über den Fluss” kommen hieß es, weil ein Fluss mit einer tiefen Schlucht zwischen den einzelnen Orten vorhanden war. Führte  er Hochwasser, war für ihn immer ein sehr weiter Weg zurück zu legen.

Als sie geheiratet haben ist es zu einem, für die damalige Zeit ungewöhnlichem Ereignis gekommen. Weil meine Mutter das einzige Kind ihrer Eltern war, ist mein Vater in das Haus meiner Mutter gezogen, die dort mit ihren Eltern gelebt hat. Er hat praktisch in das Haus seiner Schwiegereltern eingeheiratet. Nun lebten also zwei Familien unter dem Dach eines Holzhauses mit Strohdach, welches nur eine Küche und ein Zimmer hatte. Strom und Wasser waren natürlich nicht vorhanden. Mein Vater arbeitete weiter in dem Steinbruch, zu dem er jetzt nicht mehr so weit, wie vorher zu laufen hatte.

Die Armut hat weiter fortbestanden. Trotzdem sind meine Eltern nicht, wie viele ihrer Nachbarn, nach Amerika ausgewandert. Ich gehe davon aus, dass meine Mutter ihre Eltern nicht alleine zurück lassen wollte.

Im laufe der Ehe hat meine Mutter insgesamt zwölf Kinder geboren. Ich war der Jüngste. Vier Mädchen und acht Jungen. Die Geburten fanden immer zu Hause, ohne Hilfe eines Arztes oder einer Hebamme statt. Ihre Mutter hat ihr dabei geholfen. Fünf von den Kindern sind noch als Babys gestorben. Überlebt haben drei Jungen und vier Mädchen. Einer der Buben ist dann auch noch, im Alten von 12 Jahren an einer Krankheit gestorben.

Politisch und staatlich hatte es in der Zwischenzeit noch eine Änderung gegeben. Im Jahr 1929 ist das Königreich Serbien, Kroatien und Slowenien in das Königreich Jugoslawien umbenannt worden. Ich gehe mal davon aus, dass meine Eltern davon noch weniger bemerkt haben, als von der Änderung im Jahr 1918. An den Lebensverhältnissen hat sich jedenfalls nichts geändert. Es herrschte weiterhin eine große Armut.

Aber sie waren nicht verzagt und lebten unter dem Motto: Was Gott gegeben hat, dass muss man nehmen. Was er nicht gegeben hat, das hat man eben nicht.

Zur königlich jugoslawischen Armee, ist mein Vater wie einige seiner damaligen Kollegen, nicht eingezogen worden. Er gehörte später weder den Domobranen, Ustašas oder Partisanen an.

Vom unmittelbarem Ausbruch des zweiten Weltkrieges haben sie zwar durch Mundpropaganda etwas gehört, es interessierte sie aber wenig, waren sie in ihrem Dorf doch weit vom Schuss. Das Jugoslawien von Deutschland, Italien und anderen Ländern überfallen worden war, haben sie auf diesem Weg erfahren.

Im April 1941 ist der unabhängige kroatische Staat ausgerufen worden. Von dessen späterem Führer Dr. Ante Pavelić hatten sie vorher noch nie etwas gehört.

Erst als die ersten italienischen Soldaten in ihr Dorf gekommen sind, haben sie richtig realisiert, dass sich ihr Land im Krieg befand. Das einzige was die Italiener von ihnen und den anderen Einwohnern haben wollten waren Nahrungsmittel, die kaum vorhanden waren. In Einzelfällen haben sie aus Wut auch schon einmal eine Scheune in Brand gesteckt.

Über das Thema Ustaša und Partisanen hat mein Vater nicht sehr viel mit mir gesprochen. Mir ist aber bekannt, dass er keiner der beiden Gruppen angehörte, obwohl er zu dieser Zeit erst 43 Jahre alt war. Er hat es verstanden, sich vor beiden Gruppen zu drücken. Dabei hat ihm sicher auch geholfen, dass er in dem Steinbruch beschäftigt war, dessen Material für alle wichtig und notwendig war.

Eine wichtige Sache ist mir aber noch in sehr guter Erinnerung die sich ereignete, als ich vier Jahre alt war. Nach der italienischen Kapitulation tauchten deutsche Soldaten in unserem Dorf, bei der Jagt nach Partisanen auf. Dabei sind sie auch in unser Haus gekommen und sahen gleich meinen damals 18-jährigen Bruder Milan. Ich weiss nicht mehr, in welcher Sprache sie gesprochen haben. Tatsache ist aber, dass er freiwillig mit ihnen ging und nach wenigen Wochen als SS-Mann zurück gekommen ist.

Er erzählte uns, dass er in der Stadt Teslić in Bosnien stationiert war. Außerdem sagte er, dass er drei mal am Tag etwas zu Essen bekommt, was man ihm auch ansehen konnte. Außerdem haben uns seine schöne Uniform und seine Stiefel imponiert. Er erzählte uns von der Größe Deutschlands, von der wir vorher gar nichts wussten und davon, dass Deutschland diesen Krieg niemals verlieren würde.

Während des Krieges hat er uns bestimmt 2-3 mal zu Hause besucht. Dann blieb er auf einmal weg und ist nie wieder zu uns gekommen. Nach dem Krieg haben wir erfahren, dass er auf dem Weg zu uns, nur etwa 15 km bevor er zu Hause war, von Partisanen aus dem Hinterhalt erschossen und verscharrt worden ist. Er hat auch später niemals ein richtiges Grab gefunden und ich weiss nur in etwa, wo sich seine sterblichen Überreste befinden. Uns ist erzählt worden, dass jemand über der Stelle wo er gelegen hat, später eine Scheune gebaut haben soll.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges war auch das Königreich Jugoslawien beendet. Schon 1943 ist von den Kommunisten und Partisanen, die föderative Volksrepublik Jugoslawien ausgerufen worden, die nun an die Macht gekommen ist. Aber auch davon wussten meine Eltern wenig.

Die Racheakte der Partisanen an den früheren Gegnern waren in unserer Gegend eher gering, sind doch am Ende des Krieges, als sich ihr Sieg abzeichnete, viele zu ihnen übergelaufen. Mir ist heute noch in Erinnerung, wer sich in unserem Dorf plötzlich als Partisan bezeichnet hat. Mein Vater verhielt sich neutral und bezeichnete sich nicht als das Eine oder Andere, sondern versuchte mit harter Arbeit im Steinbruch und in der Landwirtschaft sich darum zu kümmern, dass wir etwas zum Essen auf den Tisch bekommen haben.

Auch ich wurde schon als kleiner Junge von etwa fünf Jahren, in die landwirtschaftliche Arbeit eingespannt. Meine Aufgabe war es, auf die paar Tiere (2 Kühe und 1 Ochse) zu achten, die auf die Wiesen zum Fressen getrieben worden sind. Eine sehr schwere Aufgabe übrigens.

Im Alter von sieben Jahren bin ich dann im Jahr 1946 in die Grundschule eingeschult worden. Diese befand sich in einem altem Haus in einem Nachbardorf. Mehrere Jahrgänge waren zusammengefasst und ich erinnere mich, dass die Lehrerin sehr streng war. Wir mussten Genossin zu ihr sagen. Nicht selten gab es Prügel. Aber noch schlimmer war der Pastor, der den Religionunterricht erteilte. Von Liebe und Fürsorge gegenüber uns Kindern und Schülern, war bei ihm nichts zu spüren.

Ich gehörte zu denjenigen, die einfach keine Lust hatten, auch noch in diesem Fach aufzupassen, denn die anderen Fächer waren schon schwer genug für mich. Zusätzlich war die Freizeit eh sehr knapp, musste ich doch am Nachmittag wieder auf die Tiere aufpassen, wie ich es schon vor meiner Schulzeit getan hatte. Hausaufgaben für die Schule habe ich damals nicht machen können und waren auch nicht üblich.

Wenn die Lehrerin sagte, morgen kommt der Pastor, lernt fleißig die Gebete, bin ich zwar morgens von zu Hause weg gegangen, hab mich aber mit meinem Freund in einem Maisfeld oder einer Scheune versteckt und erst einmal ausgeschlafen. Als unsere Mitschüler wieder nach Hause gingen, haben wir uns ihnen ganz normal angeschlossen. Dabei konnte es aber passieren, dass sie erzählten, der Pastor sei gar nicht da gewesen und würde erst am nächsten Tage kommen. Was haben mein Freund Mile ich ich gemacht? Auch am nächsten Tag haben wir uns schön ausgeschlafen.

Heute gebe ich zu, dass mein allgemeiner Lerneifer in der Schule nicht sehr gross war. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich einige Klassen zur Verfestigung meines Wissens wiederholen musste.

Nach sechs Jahren bin ich im Alter von 13 Jahren, im Jahr 1952 aus der Schule entlassen worden. Nun musste für mich eine richtige Arbeitsstelle gefunden werden. Für ein paar Dinar in der Stunde, die ich zu Hause abgeben musste, fand ich eine Arbeit als Handlanger bei einer Baufirma, die das Rathaus unserer Gemeinde verputzt hat. Handlanger ist aber eigentlich nicht richtig ausgedrückt, es war eine Hundearbeit, den Mörtel ohne Mischmaschine zu mischen und den Maurern mit der Schubkarre zu bringen.

Als die Baustelle beendet war, fand ich eine neue Arbeitsstelle in dem Steinbruch, in dem auch mein Vater gearbeitet hat. Es handelte sich um ein schon um 1873 von der ungarischen Eisenbahn gegründetes Unternehmen, welches nach dem Krieg der jugoslawischen Eisenbahn gehörte. Inzwischen war ich 14 Jahre alt und die Knochenarbeit ging weiter. Meine Aufgabe war es, bei jedem Wetter, mit einer Schubkarre die aus Holz war und auch Holzräder hatte, von einem Lagerplatz die Steine, zu den bereit stehenden Eisenbahnwaggons zu bringen. Für diese Arbeit hat es nur ein paar Dinar pro Stunde gegeben. Der Weg zur und vor den Arbeit war etwa acht Kilometer lang und häufig habe ich ihn gemeinsam mit meinem Vater zurückgelegt. Wir hatten noch nicht einmal ein Fahrrad.

Ich erinnere mich genau. An jedem 1.Mai wurde von den Kommunisten das Fest der Arbeit gefeiert. Aus diesem Grund erhielt jeder Arbeiter, in dem Steinbruch, ein halbes Kilo gebratenes Schweinefleisch und einen halben Liter Wein. Bei dieser Veranstaltung habe ich einen etwa 7-8 Jahre älteren Mann, der nicht in dem Steinbruch gearbeitet, aber früher in unserem Dorf gelebt hatte, getroffen. Von ihm wusste ich nur, dass er als Vorarbeiter an der Küste beschäftigt war. Dabei erzählte er mir, dass er bei der Post arbeitet und für Telefonleitungen zuständig sei. Deshalb hielt ich ihn sofort für einen ganz wichtigen Mann, mit dem man sich anfreunden musste.

Ich sagte zu ihm, ich sei schon satt, obwohl ich einen Riesenhunger hatte, und den Wein wolle ich auch nicht trinken, weil ich noch zu jung sei. Das hat ihm sehr gut gefallen, denn er hat auf dem Fest nichts umsonst zu Essen und zum Trinken bekommen.

Im laufe des Tages bin ich dann weiter mit ihm ins Gespräch gekommen und habe bei dieser Gelegenheit erfahren, dass er in der Nähe von Karlobag gearbeitet hat. Seine Aufgabe hat darin bestanden, dafür zu sorgen, dass die an der Küste verlaufende Telefonleitung wieder repariert wird, wenn sie durch Sprengungen, die beim Bau der Küstenmagistrale durchgeführt werden mussten, oder durch eine Bura zerstört worden ist.

Ganz nebenbei sagte er dann, dass man dort noch einen Arbeiter sucht und er dafür sorgen wird, dass wenn ich wolle, diesen Arbeitsplatz bekomme. Der Lohn sei zweimal so hoch, wie in dem Steinbruch. Er hat mich gleich überzeugt und am Ende des Tages haben wir vereinbart, dass ich in drei Tagen bei ihm in Karlobag sein werde. Er hat mir auch noch einen Zettel gegeben auf dem er bestätigte, dass ich sein Freund bin und zum Arbeitsantritt auf dem Weg zu ihm nach Karlobag sei.

Man muss sich das heute einmal vorstellen: Dadurch, dass ich ihm ein halbes Kilo gebratenes Fleisch und einen halben Liter Wein überlassen habe, bin ich zu einem neuen Arbeitsplatz gekommen.

Als ich am Abend zu Hause angekommen bin, habe ich meine Eltern darüber informiert, dass ich einen neuen Arbeitsplatz in Karlobag bei der Post bekommen habe. Sie hatten keine Einwände, denn dadurch hat es in ihrem Haus einen Esser weniger gegeben, was ihre eigene Situation etwas verbessert hat.

Ich habe vergessen warum, aber ich bin nicht nach drei Tagen, sondern erst nach fünf Tagen losgefahren. Zunächst musste ich gegen Mitternacht zum Bahnhof laufen. Meine Mutter hat mir einen Beutel mit Brot und Speck mit auf den Weg gegeben. Auch ein bisschen Wein war dabei. Mit dem Zug ging es dann zu einem drei Stationen weiter entfernten Bahnhof. Dort musste ich umsteigen und die Bahnfahrt war nach einer weiteren Station beendet. Von dort ging es mit einem Omnibus, auf der schon sehr alten Strasse über den Kapela-Pass und dem Vratnik-Pass nach Senj weiter. Diese Fahrt werde ich in meinem Leben niemals vergessen, bin ich doch zum erstem Mal, mit einem Omnibus gefahren.

In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass diese Reise im Jahr 1953 stattfand und es sich bei der Strasse um eine Makadamstrasse gehandelt hat. In Senj angekommen meldete ich mich, wie vorher mit meinem neuem Freund vereinbart, bei dem Chef der dortigen Post. Der hat erst einmal mit mir geschimpft und mich mit Flüchen belegt, weil ich nicht wie vorher abgemacht, schon am 4.5.1953 bei ihm eingetroffen bin.

Ganz nebenbei bemerkt, als ich an diesem Tag in Senj angekommen bin, war ich der Erste aus unserer ganzen Familie, der das Meer gesehen hat und natürlich sehr stolz.

Nachdem sich der Postchef dann wieder beruhigt hatte, hat er mich zum Hafen, zu einem Schiff gebracht und dort auch die Fahrkarte nach Karlobag bezahlt. Es handelte sich um ein Linienschiff, welches die Reisenden an der Küste entlang beförderte. Die Fahrt ging am Morgen gegen 8:00 Uhr los und endete gegen 20:00 Uhr in Karlobag. Sie hat deshalb so lange gedauert, weil wir viele Häfen, auch auf den Inseln anlaufen mussten. Auch diese Fahrt hat mich sehr beeindruckt, weil ich das erste mal auf einem Schiff war, auf dem sich im übrigen sehr fein gekleidete Mitreisende, wie ich sie vorher noch nie gesehen hatte, befanden.

In Karlobag angekommen, stand dann mein neuer Freund, der mir die Arbeit versprochen hatte, mit noch einem Kollegen am Hafen und hat natürlich auch mit mir geschimpft, dass ich mit zwei Tagen Verspätung angekommen bin. Es war aber nicht so schlimm, wie bei dem Postchef in Senj. Er hat dann dafür gesorgt, dass ich noch etwas zum Essen und Trinken bekomme und danach ging es etwa 20 km auf einem Lkw., zum Lager der Baustelle. Dort befand sich eine Baracke mit etwa 80 Betten und der Barackencapo hat mir ein Bett zugewiesen. Am spätem Abend bin dann hundemüde dort ins Bett gefallen.

Am nächsten Tag ging es dann ohne Verzögerung los. Wir mussten um 6:00 Uhr aufstehen und haben etwas zum Frühstück bekommen. Dann musste ich bei dem Baustellenchef antreten. Er musterte mich erst einmal von oben bis unten. Es war ein etwa 50- jähriger Mann mit einem Riesenschnauzbart. Nach mehreren Minuten fragte er mich, ob ich schwindelfrei sei und auf Telefonmasten klettern könne. Natürlich sagte ich: Genosse kein Problem. Danach sagte er: P., du bist eingestellt und kannst sofort mit der Arbeit beginnen.

Kurz darauf ging es schon raus auf die Baustelle, zu der wir mit einem Lkw. gefahren worden sind. Vorher hatte ich aber noch vernünftige Schuhe, Steigeisen und einen Riemen aus Leder bekommen, damit ich die Telefonmasten besteigen und die Leitungen befestigen konnte. Das klappte von Anfang an sehr gut und die Vorgesetzten waren sehr mit mir zufrieden.

Neben dem Lohn, der tatsächlich doppelt so hoch, wie in dem Steinbruch war, habe ich auf meiner neuen Arbeitsstelle kostenlos regelmässig dreimal am Tag etwas zum Essen bekommen und wenn ich ehrlich bin, es war besser und reichhaltiger, als es mir meine Eltern zu Hause bieten konnten.

Meine Arbeit hat dann darin bestanden, die Telefonleitung, die schon vorhanden war zu reparieren, wenn sie durch Sprengungen beim Bau der Adriamagistrale, oder durch eine Bura zerstört worden ist. Es konnte also durchaus vorkommen, dass man wochenlang nichts machen musste. Es hat aber auch Tage gegeben, wo man die ganze Arbeitszeit über, in starkem Einsatz war.

Bei der Arbeit benutzte ich zum Spannen der Drähte übrigens ein Gerät, welches wir auch in unserer kroatischen Sprache, als Flaschenzug bezeichnet haben.

Mit meinen 15 Jahren war ich das Nesthäkchen unter den Arbeitern auf der Baustelle und in der Baracke und bin dementsprechend verwöhnt, aber manchmal in meiner Naivität, auch auf den Arm genommen worden. Alles in allem wusste ich mir aber ganz gut selber zu helfen.

Weil ich mich mit meinen Arbeitskollegen und den Vorgesetzten so gut verstanden habe, durfte ich schon nach 2-3 Monaten, jeweils für wenige Tage zu meinen Eltern nach Hause fahren.

Diese Fahrten waren verhältnismäßig einfach, denn ich konnte von Kalobag mit einem Bus bis nach Gospić und von dort mit der Eisenbahn nach Hause fahren. Wenn ich dann bei meinen Eltern angekommen bin, war die Freude immer groß, den das Geld, welches ich von dem Lohn übrig behalten hatte, habe ich ihnen gegeben.

An eine Sache aus dieser Zeit kann ich mich auch noch ganz gut erinnern. Im Winter nach meinem Arbeitsbeginn hat es eine Bura gegeben, die ich vorher und nachher niemals erlebt hatte. Sie hielt über eine Woche an und es war so kalt, dass auf der Insel Pag, die wir von unserer Baracke sehen konnten, die Felsen bis zu einer Höhe von fünf Metern vereist waren. Wir sassen den ganzen Tag in der Baracke fest und konnten natürlich nicht arbeiten.

Auf dieser Baustelle habe ich dann bis Mitte 1955 gearbeitet bis ich hörte, dass man in Rijeka noch mehr Geld verdienen kann. Deshalb habe ich bei der Post gekündigt und bin nach Rijeka umgesiedelt.

Wie ich dann Rijeka gekommen bin und wie es weiter gegangen ist, wird später einmal hier in diesem Blog berichtet.

3 Kommentare zu “Die Biographie des Kroaten Nikola P.”

  1. Mrvica

    Mach mal weiter damit,sind Lebensgeschichten ,die wir uns heute nicht mehr vorstellen können

  2. zeljo69

    …………….dalje,dalje………!!!suuuuuuper geschrieben.bitte mehr davon!!

  3. dino

    Schön zu lesen!
    Sehr bewegend und hochinteressant !!!!

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