Der Staatsstreich vom 6.1.1929

Am 1.12. 1918 hat in Belgrad der serbische Prinzregent Alexander (Karađorđević) das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen ausgerufen. Gleichzeitig trat er als Regent zurück und übergab seinem Vater König Peter I. (Karađorđević) erneut die Amtsgeschäfte, der damit Staatsoberhaupt des neuen Staates in Südosteuropa wurde. Die Politik wurde aber weiterhin von ihm bestimmt.

Am 28.11.1920 ist eine verfassungsgebende Versammlung gegründet worden, die aus 419 Sitzen bestand. Die Kroatische Volks- und Bauernpartei (HPSS) von Stjepan Radić hatte 50 Sitze.

Kurz vorher hat Prinzregent Alexander das gesamte Istrien (also den kroatische und den slowenischen Teil), einige Inseln und Küstengebiete sowie das Gebiet um die Stadt Zadar, an das Königreich Italien abgetreten. (Vertrag von Rapallo vom November 1920).

Der Verfassungentwurf des Prinzregenten und seiner Regierung fand nicht die erforderliche 2/3-Mehrheit, weil dieser u.a. auch von der HPSS abgelehnt worden ist. Danach ist es zu unzähligen Verhandlungen zwischen den verschiedenen nationalen Gruppen gekommen, bei denen sich die serbisch geprägten Gruppen durchsetzten und beschlossen, dass die Verfassung auch mit einfacher Mehrheit angenommen werden kann.

Die Sitzungen der verfassungsgebenden Versammlung wurden von den HPSS-Abgeordneten weitgehend boykottiert und man hat sich teilweise nach Zagreb zurückgezogen. Am 11.02.1921 schickten die Abgeordneten von dort eine „Adresse“ an den „serbischen Regenten“ nach Belgrad, in der noch einmal ausführlich und in aller Form dargestellt wurde, dass man mit seiner Politik nicht einverstanden war.

Ausgerechnet am St. Veitstag, dem 28.6.1921, ist dann die zentralistische Verfassung mit knapper Mehrheit angenommen worden, obwohl 70 % der Abgeordneten aus Kroatien-Slawonien (darunter auch Stjepan Radić) und 55 % der Abgeordneten aus Dalmatien nicht an der Abstimmung teilgenommen haben. Damit wurde eine Verfassung in Kraft gesetzt, die mit einer serbischen Mehrheit gegen den Willen der Vertreter aus Kroatien und Slowenien durchgesetzt worden ist.

Das Staatsoberhaupt König Peter I. ist am 16.8.1921 in Belgrad gestorben. Danach wurden seine Amtsgeschäfte wieder vollständig von seinem Sohn Alexander wahrgenommen.

Die politische Situation des neuen Staates ist von dem sich zuspitzende Konflikten zwischen den Teilstaaten geprägt worden. Slowenen und Kroaten forderten mehr Autonomie und die Serben waren darauf aus, einen Zentralstaat unter ihrer Führung zu errichten. Dadurch ist der Autonomiegedanke hinsichtlich nichtserbischer Ethnien und nichtorthodoxer Religionen weitgehend unterdrückt worden, so dass die ethnischen und die konfessionellen bzw. religiösen Spannungen bestehen blieben und sich zum Teil noch verschärften.

Am 19.6.1928 hat der serbische NRS-Abgeordnete Puniša Račić zusammen mit weiteren 23 Fraktionskollegen einen Dringlichkeitsantrag ins Parlament eingebracht, in dem verlangt wurde, den Führer der kroatischen HSS, Stjepan Radić, auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Dieser Antrag ist zwar von der Parlamentsmehrheit abgelehnt worden, aber die NRS-Abgeordneten Toma Popović und Puniša Račić haben laut und für alle vernehmbar in den Parlamentssaal gerufen: „Hier werden noch Köpfe fallen, denn solange Stjepan Radić nicht getötet worden ist, wird es keinen Frieden geben.” Dieser Zwischenruf wurde nicht nur vom Parlamentspräsidenten nicht getadelt, sondern auch nicht in das Sitzungprotokoll aufgenommen. Für diesen Zwischenruf sind die Beiden von niemanden zur Rechenschaft gezogen worden.

Tags darauf, am 20.06.1928, verlangte die serbische SDK-Fraktion, dass die schwere Drohung des Vortages doch noch ins Parlamentsprotokoll aufgenommen wird. Sie konnte sich aber gegenüber der Regierungsmehrheit nicht durchsetzen. Darauf hin kam es zu Tumulten, die vom Präsidenten nicht unterbunden wurden, er hätte in dieser Situation die Polizei rufen müssen.

Nach einer Sitzungsunterbrechung gab der Präsident dem NRS-Abgeordneten Puniša Račić die Möglichkeit, eine persönlichen Erklärung abzugeben. Darin beschuldigte dieser die Opposition, das Ansehen des Parlaments und des Königreiches geschädigt zu haben. Er sei bereit und entschlossen, auch andere Waffen zum Schutz des Serbentums einzusetzen. Auf einen Zwischenruf des kroatischen HSS-Abgeordneten Ivan Pernar, zog Puniša Račić einen mitgebrachten Revolver und verletzte den Zwischenrufer durch einen Schuss lebensgefährlich. Ein Parteifreund von Puniša Račić, der NRS-Abgeordnete Djuro Basariček, wollte Račić entwaffnen und ist durch einen Herzschuss auf der Stelle getötet worden. In aller Ruhe wandte sich der Todesschütze ungehindert Stjepan Radić zu. Ein dritter Schuss traf den HSS-Abgeordneten Ivan Grandja, der sich schützend vor Stjepan Radić gebeugt hatte. Mit dem vierten Schuss traf Račić den HSS-Führer und verletzte ihn durch einen Bauchschuss. Mit dem fünften und letzten Schuss hat er den HSS-Abgeordneten Paul Radić, der seinem Onkel zu Hilfe eilen wollte, unterhalb des Herzens tödlich getroffen.

Ohne das ihn jemand aufhielt, konnte der Attentäter das Parlamentsgebäude verlassen und ist auch später nicht wirklich bestraft worden.

Für Djuro Basariček und Paul Radić kam jede Hilfe zu spät. Stjepan Radić und Ivan Perner waren schwer, Ivan Grandja nur leicht verletzt. Die Verletzten kamen zunächst in Belgrad ins Krankenhaus und wurden, als sie transportfähig waren, mit dem Zug nach Zagreb in ein Krankenhaus gebracht. Dort ist Stjepan Radić am 8.8.1928 im Alter von 57 Jahren seinen Schussverletzungen erlegen. Nach einer grossen Trauerfeier, an der 200.000 Menschen teilgenommen haben, ist er auf dem bekannten Mirogoj-Friedhof in Zagreb beerdigt worden.

Dieses furchbare Ereigniss wurde von der Weltöffentlichkeit mehr oder weniger ignoriert. Kein König oder Staatsmann hat bei dem König von Serbien, Kroatien und Slowenien interveniert.

Aufgrund dieser Situation weigerten sich die oppositionellen kroatischen Abgeordneten, weiter an den Parlamentssitzungen teilzunehmen, und es wurden zunehmend Stimmen laut, die den Fortbestand der bestehenden Staatsordnung infrage zu stellen.

Um seinen und den Machterhalt der Serben zu sichern, hat König Alexander I. am heutigem Tag, dem 6. Januar 1929 und Beginn des orthodoxen Weihnachtsfestes, einen Staatsstreich durchgeführt. Er suspendierte die Verfassung von 1921, löste das Parlament auf und proklamierte die Königsdiktatur. Die neue Regierung setzte sich zunächst weitgehend aus seinen persönlichen Vertrauten zusammen. Danach verfügte er am 3. Oktober 1929 die Umbenennung des Staates in Königreich Jugoslawien (Kraljevina Jugoslavija).

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