Rede des kroatischen Staatspräsidenten Stjepan Mesić in Berlin

In der vorigen Woche hat sich der kroatische Staatspräsident Stjepan Mesić, zu einem eintägigen Besuch in Berlin aufgehalten.

Dabei hat er eine Rede gehalten, die wegen ihrer grundsätzlichen Bedeutung hier veröffentlicht wird:

Sehr geehrter Herr Erler
Geehrter Professor Markschies,
Meine Damen und Herren

Erlauben Sie mir, mich bei dieser renommierten Institution herzlich dafür zu bedanken, dass mir nur etliche Tage vor dem Ende meiner zehnjährigen Amtszeit als Staatspräsident die Gelegenheit gegeben wurde, eine Art der Bilanz meiner politischen Laufbahn zu ziehen. Genauer gesagt: meiner bisherigen politischen Laufbahn, denn ich habe nicht vor, als Altpräsident untätig zu sein. Das erwähne ich nur nebenbei.

Ich glaube, es wäre langweilig, wenn ich Ihnen einfach nur meine Biographie vortrüge. Ich glaube auch nicht, dass das Sie von mir erwarten. Ich habe mich für einen anderen, und hoffentlich auch, attraktiveren Ansatz entschieden. Ich werde über einzelne Epochen in meinem Leben sprechen, darüber, wie diese Epochen mich geprägt haben, aber auch darüber, welche Merkmale meine politische Tätigkeit auszeichnen und welche Überzeugungen und Einstellungen ihre Folgen sind.

Beginnen muss ich jedoch mit dem – Anfang, mit anderen Worten mit meiner Kindheit. Den Zweiten Weltkrieg erlebte ich eben als Kind. Zunächst sah ich, wie aus der Schule, die ich besuchte, meine Mitschüler verschwanden – Juden und Roma. Sie verschwanden von heute auf morgen. Natürlich verstanden wir Kinder nicht, worum es ging; die Erwachsenen wussten es, aber schwiegen aus Angst. So lernte ich die Okkupation, aber auch den Charakter des Staates mit dem Quisling-Regime kennen, der zwar Kroatien hieß, aber der weder ein Staat, noch unabhängig, noch kroatisch war.

Wenn ich sage, dass er nicht kroatisch war, dann denke ich in erster Linie an die Tatsache, dass alles, was in der kroatischen Gesellschaft Respekt verdiente, an der Seite des antifaschistischen Widerstandes stand – sei es im aktiven Widerstand, sei es durch heimliche Unterstützung. Kurz darauf befand ich mich im befreiten Gebiet, dem größten befreiten Gebiet im besetzten Europa. Ich erlebte auch, wie das neue System zu funktionieren begann – ich besuchte weiterhin die Schule, ich sah, wie ein Gesundheitsversorgungsnetz zustande kam, ich fuhr sogar mit der Eisenbahn.

Ganz am Ende des Krieges mussten wir vor dem Ansturm der sich aus Griechenland zurückziehenden deutschen Truppen nach Ungarn fliehen, wo wir zunächst von den bulgarischen und dann sowjetischen Einheiten aufgenommen wurden. Sobald sich die Situation in Kroatien konsolidierte, kehrte ich zurück. Ich muss noch hinzufügen, dass sich mein Vater aktiv an der antifaschistischen Bewegung beteiligte, deren Anführer – und das ist eine unwiderlegbare Tatsache – Kommunisten waren, aber deren Angehörige – und das auch ist eine unwiderlegbare Tatsache – meistens keine Kommunisten waren.

Damals also, in den Tagen des Zweiten Weltkrieges, erkannte ich, was Faschismus und Nazismus anrichten. Ich sah die Ergebnisse der Politik jener kroatischen Kräfte, die sich dafür entschieden hatten, die Verbündeten der Achsenmächte zu sein. Damals also, als Kind, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, bei der ich bis zum heutigen Tag geblieben bin, sie ist heute sogar fester als je zuvor, nämlich dass Faschismus ein Verbrechen ist, sowohl in der Idee, als auch in der Umsetzung dieser Idee. Ich glaube, dass es keine bessere und keine genauere Definition gibt.

In diesen Kindheitserfahrungen sollen auch die Wurzeln meines Antifaschismus gesucht werden, genauso wie die Gründe dafür, dass ich so beharrlich – oft großen Widerständen gegenüberstehend – während meiner Amtszeit als Staatspräsident auf dem Antifaschismus als der Grundlage des modernen kroatischen Staates beharrt habe. Der Grund dafür war nicht nur die Verankerung des Antifaschismus in der kroatischen Verfassung, sondern auch meine persönlichen Erfahrungen mit dem verbrecherischen Faschismus genauso wie mit dem Heldentum der antifaschistischen Freiheitskämpfer.

Die Schule und im Anschluss daran das Jurastudium habe ich in Jugoslawien abgeschlossen, das – zumindest theoretisch – auf einer neuen Matrix beruhte, die sich wesentlich von jener monarchistischen unterschied; in Jugoslawien, einer Föderation der gleichberechtigten Völker in ihren Bundesländern, nämlich Teilrepubliken. Als junger Mann beteiligte ich mich an sogenannten „Jugendarbeitsaktionen“. Dieses Projekt zielte auf ein Näherbringen von jungen Menschen aus allen Teilen Jugoslawiens nach einem Krieg ab, der nicht nur der Widerstand zu den Okkupationsmächten war, sondern auch Merkmale einer interethnischen Auseinandersetzung, eines Bürger- und Glaubenskrieges hatte.

Die heutige Jugend weiß ganz wenig oder nichts davon. Doch wahr ist es, dass zu diesen Arbeitsaktionen Jugendliche aus der ganzen Welt kamen. Als kroatischer Staatspräsident hatte ich die Gelegenheit, auch einige ausländische Staatsmänner zu treffen, die mir mit Stolz von  ihrer Teilnahme am Wiederaufbau Jugoslawiens erzaehlt haben. Dies war also die Zeit des Wiederaufbaus, die Zeit des Aufschwungs und des Selbstvertrauens, das Jugoslawien besonders nach dem Tito-Stalin-Konflikt charakterisierte.

Heute ist es, zumindest auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, schick über Tito als einen Autokraten, Diktator zu sprechen, als demjenigen, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Massenmorde veranlasste. Es ist wahr – Tito war kein demokratischer Herrscher, obwohl er die unwiderlegbare Unterstützung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung genoss. Er war ein Mensch, der politisch vom kommunistischen Geist geprägt und tief davon überzeugt war, dass das Recht auf das Lenken und Verwalten der Geschicke des Volkes nur der Kommunistischen Partei, bzw. dem Bund der Kommunisten – wie sie bei uns hieß – zukam.

Doch zur gleichen Zeit war Tito auch ein Nationalist – kein kroatischer Nationalist, obwohl er Kroate war; noch weniger ein serbischer Nationalist, obwohl er jahrzehntelang in der Hauptstadt Serbiens, die zugleich auch die Hauptstadt der Föderation war, residierte. Nein, Tito war ein jugoslawischer Nationalist, der bereit war, im Namen der Verteidigung der jugoslawischen Nationalinteressen und noch mehr zum Zwecke der Demonstrierung seiner Unabhängigkeit, zunächst amerikanische Flugzeuge, die sich ohne Überflugerlaubnis im jugoslawischen Luftraum befanden, abzuschießen und sich dann Stalin zu widersetzen, vor dem ganz Osteuropa, aber eigentlich auch der Rest der Welt, zitterte.

Meine Jugend im kommunistischen Jugoslawien hinterließ in mir eine Spur Unnachgiebigkeit, die zum Ausdruck kommt, wenn ich überzeugt bin, dass ich Recht habe und dass ich zum Nutzen meiner Heimat handle. Was ich da sage, ist keine Apologie des Kommunismus, wobei man mit vielen Argumenten erörtern könnte, ob das Regime im damaligen Jugoslawien überhaupt den Namen eines kommunistischen Regimes verdient und ob es vielleicht nicht treffender wäre, es eine unabhängige Autokratie mit einer ausgesprochenen sozialen Note zu nennen.

Über Liquidierungen von Gefangenen – Angehörigen der Quislingtruppen – die die Übergabe eine ganze Woche nach dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa ablehnten, wurde damals kaum gesprochen, noch wusste man viel davon. Die Familien einiger von ihnen empfingen nur eine kurze Nachricht, dass „XY“ vor ein Volksgericht gebracht, wegen der Kollaboration zum Tode verurteilt und dass das Urteil vollgestreckt wurde. Viele bekamen gar keine Nachricht. Die Menschen verschwanden einfach.

Natürlich ist das ein Verbrechen. Natürlich muss solches Handeln verurteilt werden. Tatsache ist aber auch, dass ähnliche Dinge im gesamten bis dahin besetzten Europa hindurch geschahen und dass keiner der Anführer einer Widerstandsbewegung aus diesem Grund zur Rechenschaft gezogen wurde. Es fällt mir schwer zu glauben, dass Tito von den Liquidierungen nicht wusste, obwohl es wahr ist, dass es keine Unterlagen gibt, die so etwas belegen würden. Bei uns gab es keine Wannsee-Konferenz, die die Liquidierung von Gefangen beschlossen hätte.

Es gibt aber auch wiederholte Schriftbefehle von Tito vom Ende des Krieges, in denen er ausdrücklich befahl, dass man Gefangene im Einklang mit den Genfer Abkommen behandeln sollte. Meine Ausführungen sind hier etwas ausführlicher, weil dies ein Thema ist, das mich all diese zehn Jahre meiner Amtszeit begleitet hat. Viele Ereignisse aus den Kriegen, in denen die jugoslawische Föderation zerfiel, zwangen uns, unser Verhältnis zu Kriegsverbrechen, ein objektives Verhältnis, zu definieren.

Nach dem Abschluss meines Studiums begann ich als Jurist zu arbeiten und wurde letztendlich Richter. Ich war auch, und das habe ich nie verheimlicht, Mitglied des Bundes der Kommunisten. Einerseits sah ich darin eine Kraft, die das Land voranbrachte, andererseits – und da bin ich ganz aufrichtig – vereinfachte die Mitgliedschaft in der einzigen und regierenden politischen Partei viele Dinge im Leben. Das hat mich aber nicht daran gehindert, dass ich 1965 die politische Bühne auf eine Art und Weise betrat, die zwar legal, aber keineswegs einfach war, und in gewissem Maße politische Risiken mit sich brachte.

Die damaligen Gesetze ermöglichten nämlich, dass sich für die Wahlen – neben den Kandidaten, die die Partei durch eine Massenorganisation, den sog. Sozialistischen Bund, als Kandidaten aufstellte – auch Personen kandidieren durften, die die schriftliche Unterstützung von hundert Bürgern vorweisen konnten. In meinem Geburtsort, im Slawonischen Orahovica, fiel es mir nicht schwer, hundert Unterschriften zu sammeln. Ich ging also zur Wahl und gewann, trotz der Kandidaten des Sozialistischen Bundes.

Diese Erfahrung gab mir zu erkennen, dass es auch Sinn hat, unbetretene Wege zu gehen und nicht blind das zu akzeptieren, wonach sich die Mehrheit richtet.

Dadurch zeigte ich kein Dissidententum. Doch ich zeigte, dass es möglich ist, anders – gesetzmäßig – aber doch anders zu gehen. Die Zeit des Dissidententums sollte erst 1971 anbrechen.

In der Zwischenzeit war ich der Bürgermeister meines Geburtsortes. Ich versuchte damals, die wirtschaftliche Entwicklung anzukurbeln, indem ich mich wieder nicht der üblichen, aber dennoch legalen Methoden bediente. Doch störte das die Hardliner in der Partei und die Geschichte vom kleinen Gemeindebürgermeister in Slawonien, der kapitalistische Zustände herstelle, gelangte sogar bis zu Tito. Doch wurde ich in Ruhe gelassen und trug keine Konsequenzen.

Das war wieder eine neue Erfahrung und eine neue Erkenntnis, die mir in den Jahren meiner Präsidentschaft sehr zugute kam – Mut lohnt sich, er kann mit dem unnötigen Risiko nicht gleichgesetzt werden, wenn der Mensch weiß, was er macht und warum er es macht.

Im Jahre 1971 nahm ich als Mitglied des Bundes der Kommunisten an der Reformbewegung teil, die heute unter dem Namen des Kroatischen Frühlings bekannt ist. Ihre Initiatoren zielten auf eine Reform der Föderation ab und hatten am Anfang Titos ausdrückliche Unterstützung. Doch im Laufe der Zeit gerieten die Dinge außer Kontrolle, immer lauter wurden diejenigen, die – für die damalige Zeit – vollständig unrealistische Forderungen stellten wie zB.: die Schaffung einer kroatischen Armee und einen Platz für Kroatien in den Vereinten Nationen. Als Studenten in Zagreb Streik ausriefen und ultimativ die Änderung des Bundesgesetzes über die Verteilung von Devisen forderten, war die Sache zum Scheitern verurteilt.

Tito befand sich im Zwiespalt – zwischen der Führung der Armee, die in unserer Bewegung eine Gefahr für den Sozialismus und für die Einheit des Landes sah, und dem Angebot des sowjetischen Führers Breschnew, „brüderliche Hilfe“ zu leisten. Pragmatisch, wie er war, und der Bewahrung Jugoslawiens vollständig verschrieben, gab Tito uns auf und erklärte uns zu gefährlichen Nationalisten, mit denen man sich auseinandersetzen müsse. Die Zeit der Ablösungen und Säuberungen brach an, hier größer und grober, dort kleiner und kosmetischer.

Ich fiel in die erste Kategorie und kam ins Gefängnis, wo ich ein Jahr saß. Ich spreche darüber ohne jede Bitterkeit. Ich wusste, worauf ich mich einlasse; ich versuchte mit einem Teil der Reformbewegungsführung das Schlimmste zu verhindern. Als aber die Zeit der Abrechnung kam, habe ich mich nicht von meinen Mitkämpfern abgewandt. Ich teilte ihr Schicksal, wobei ich wirklich sagen kann, dass die politischen Gefangenen, die am Kroatischen Frühling mitgewirkt hatten, in den Strafanstalten nicht misshandelt wurden. Was anderes ist, dass ich nach der verbüßten Strafe ziemliche Schwierigkeiten hatte, Arbeit zu finden und dass ich jahrelang nicht ins Ausland reisen durfte.

Aus dieser Zeit, bzw. aus dieser Erfahrung, stammt meine Erkenntnis, dass es notwendig, eigentlich unausweichlich ist, die Konsequenzen für eigenes Handeln zu tragen und Solidarität mit jenen zu zeigen, die gleiche Überzeugungen teilen und nach gleichen Zielen streben.

Für mich, den ehemaligen politischen Gefangenen, der zudem aus dem Bund der Kommunisten ausgeschlossen wurde, gab es im politischen Leben der 70er Jahre keinen Platz. Ich fand schließlich Arbeit in der Geschäftsführung eines erfolgreichen Architekturbüros. Ich führte die Geschäfte, bemühte mich um neue Aufträge – sowohl in Jugoslawien als auch in der Welt. Das Projektieren blieb selbstverständlich Aufgabe der Fachleute.

Ich kam zu noch einer Erkenntnis: was immer ein Mensch tun mag, wichtig ist, dass er seine Arbeit voll und ganz macht und nach bestmöglichen Ergebnissen strebt.

1980 starb Tito und Jugoslawien begann auseinanderzubrechen, obwohl das für viele noch nicht ganz erkennbar war. Zum Glück und wahrscheinlich im Bewusstsein, dass sich die Föderation nach ihm schwer erhalten wird, akzeptierte Tito 1974 die neue Verfassung, die zunächst die kollektive Staatsführung einführte, in der alle Teilrepubliken und Provinzen gleichberechtigt vertreten waren. Ich betone hier: auch Provinzen, denn im Zusammenhang damit, was viel später mit dem Kosovo passieren sollte, muss man das wissen.

Zudem ermöglichte die Verfassung von 1974, und das sagt viel über Tito als Politiker aus, zum größten Teil die Erfüllung jener Forderungen, und ich spreche hier von den realistischen Forderungen, die wir zur Zeit des Kroatischen Frühlings gestellt hatten. Schließlich schuf die Verfassung die rechtliche Grundlage, die Anfang der 1990-er Jahre die Unabhängigkeit Kroatiens ermöglichte.

Obwohl ich alle Hände voll zu tun hatte, mit dem Bau von Schulen und Sporthallen, hat die Politik nie aufgehört, mich zu interessieren. So schloß ich mich gegen Ende der 80er Jahre, als sich die Epoche des Mehrparteiensystems und des politischen Pluralismus abzeichnete, den Gründern der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft an, die mit Franjo Tuđman an der Spitze 1990 die Wahlen gewannen. Hinsichtlich der späteren Profilierung dieser Partei muss ich sagen, dass in ihrer ursprünglichen Führung durchwegs Antifaschisten waren.

Mit der Einführung des Pluralismus forderten Kroatien und Slowenien eine Reform der Föderation. Das war die Zeit, als der Bund der Kommunisten auf Bundesebene praktisch zerfiel, weil er dem Ansturm des Nationalismus eines neuen politischen Stars aus Serbien nicht standhalten konnte – Slobodan Milošević. Und derselbe Milošević war es, der alle Versuche zu einer Beilegung der Krise der Föderation verhinderte. Damals gab es einen Plan, nach dem alle Teilrepubliken ihre Unabhängigkeit ausrufen und einen Tag danach einen konföderalen Vertrag unterzeichnen würden. Der Verträg sollte ein paar Jahre gelten, wonach man einschätzen würde, wie es weiter gehen sollte.

Leider scheiterte alles am Widerstand Miloševićs. Nicht nur das. Indem er auf die Karte des großserbischen Nationalismus setzte, frei nach dem Motto: Serbien ist überall dort, wo es auch nur einen Serben gibt, gelang es ihm, die serbische Minderheit in Kroatien, und dann auch in Bosnien und Herzegowina, aufzuwiegeln. Als kroatischer Vertreter war ich damals Mitglied, bzw. Vorsitzender des Präsidiums von Jugoslawien. Ich hatte dieses Amt inne, solange die Föderation so recht und schlecht noch fortbestand. Als dann aber auch das Präsidium auseinanderfiel, kehrte ich nach Zagreb zurück und gab bekannt, dass es Jugoslawien nicht mehr gebe und dass daher meine Arbeit beendet sei.

Ich versuchte auch die internationale Öffentlichkeit zu sensibilisieren, indem ich vor dem drohenden Krieg warnte und einen präventiven Einsatz der Vereinten Nationen forderte, doch – ohne Erfolg.

Auch heute bin ich zutiefst überzeugt, dass der Krieg nicht unausweichlich war und dass wir genauso wie die Tschechen und Slowaken friedlich auseinander gehen konnten. Milošević ließ das nicht zu und das ist seine historische Sünde, mehr noch: ein Verbrechen. Als sich die desorientierte Führung der Jugoslawischen Volksarmee auf seine Seite stellte, als die Angehörigen anderer Völker der Föderation die Armee verließen und als sie sich, mit ihrem gewaltigen Arsenal, in eine serbische Armee verwandelte, die den Aufstand in Kroatien ganz offen unterstützte, wurde jedoch offensichtlich, dass der Krieg unausweichlich war.

Durch den inneren Aufstand, der von außen aus in der Form einer Aggression unterstützt wurde, mussten wir – in diesen Kriegsbedingungen – unsere Armee und unseren Staat schaffen und diesen Staat verteidigen. Alles sprach dafür, dass wir zum Scheitern verurteilt sind. Aber dank der Unterstützung einer überwältigenden Mehrheit des Volkes sind wir nicht zurückgewichen. Wir haben alles geschafft, leider zu einem hohen Preis an verlorenen Menschenleben und ruinierten Existenzen. Und es sind zweifelsohne Kriegsverbrechen begangen worden, auch auf kroatischer Seite, die die Tatsache, dass die Rebellen viel mehr Verbrechen begangen haben, keineswegs verringern oder relativieren kann.

Der Krieg hat die interethnischen Beziehungen vergiftet und Raum geschaffen für unfundierte Klischees von den Anderen und Andersartigen. Unter dem Deckmantel der Demokratie begann eine perfide Abrechnung mit dem Antifaschismus, die als eine Auseinandersetzung mit dem Kommunismus bemäntelt wurde, dem Kommunismus, der im ehemaligen Jugoslawien – das muss ich betonen – nichts gemein hatte mit dem System, unter dem die Länder Osteuropas litten.

Es gab noch eine weitere Nebenwirkung des Krieges; unter dem Einfluss eines Teils der Kroaten, der zurückgekehrten Emigranten, strebte man danach, die Nation zu homogenisieren, und zwar auf der Grundlage einer Tolerierung der Geschichtsklitterung des Zweiten Weltkrieges, wenn nicht gar mehr. Ganz konkrett: Vorbild sah man im verbrecherischen Unabhängigen Staat Kroatien. So gab es einige, die sogar öffentlich mit dem Kriegsbündnis mit dem Dritten Reich prahlten. Damit war der sprichwörtliche Geist aus der Lampe rausgelassen, der uns noch heute umtreibt.

Ich muss gestehen: trotz meiner festen antifaschistischen Gesinnung ließ ich mich in gewissen Augenblicken von dieser Stimmung verführen, insbesondere als ich bei den kroatischen Auswanderern das Geld für die Verteidigung sammelte.

In dieser Zeit gewann ich drei weitere Erkenntnisse: erstens, gib nicht nach, wenn du überzeugt bist, dass das, was du machst, recht ist, auch dann, wenn deine Aussichten auf Erfolg gering sind.

Zweitens, mach keine Kompromisse mit deinen Überzeugungen, denn das holt dich früher oder später wieder ein. Meine große Genugtuung ist es, dass die kroatischen antifaschistischen Kämpfer, die das größte moralische Recht dazu hätten, mir dies nie vorgeworfen haben.

Und drittens, es gibt keine Rechtfertigung für ein Kriegsverbrechen, wer immer es begangen haben mag, genauso wie es keine Rechtfertigung dafür gibt, irgendein Volk zu einem verbrecherischen Volk zu erklären. Schuld muss individualisiert werden. Aus dieser letzten Erkenntnis hat sich später meine feste und kompromisslose Unterstützung für eine Zusammenarbeit mit dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag entwickelt.

Ich gehörte zu den führenden Politikern des neu gegründeten Staates. Ich hatte das Amt des Parlamentspräsidenten und hohe Funktionen in der Partei inne, bis zu dem Zeitpunkt, als ich erkannte, dass Staatspräsident Tuđman, dem ich nicht leugnen kann, dass er den Augenblick für die Unabhängigkeit Kroatiens erkannt und meisterhaft genutzt hat, mit Milošević über die Teilung des Nachbarstaates Bosnien und Herzegowina verhandelte, in dem sich zu dem Zeitpunkt Bosniaken und Kroaten verzweifelt gegen die serbische Aggression wehrten.

Dabei wollte ich nicht mitmachen. Ich habe mich öffentlich gegen eine solche Politik geäußert, auf alle Funktionen in der Partei und im Staat verzichtet, eine neue Partei gegründet. Ich wurde ein Oppositionspolitiker, der von der politischen Führung wie von den mit dieser Führung sympathisierenden Medien heftig angegriffen wurde.

Nichts davon hat mich vom Weg abgebracht. Vielmehr gewann ich eine weitere Lebenserfahrung, bzw. Erkenntnis, hinzu: Nichts kann das Abweichen von aufrichtigen Überzeugungen im Leben, in der Politik und natürlich in der Moral rechtfertigen.

Als ich 1999 meine Präsidentschaftskandidatur ankündigte, gab es wenige, die mir eine Chance gaben. Einer unserer renommierten Politikwissenschaftlern sagte mir damals: “Hör zu, Stipe, ich würde dir meine Stimme geben, aber das hat doch keinen Sinn, du kriegst nicht mal 2% der Stimmen.” Ich habe die Wahl dennoch gewonnen. Die Wähler haben erkannt, was sie an mir und dem von mir vertretenen Programm haben. Und dieses Programm beruhte auf all diesen, zuvor erwähnten Erkenntnissen, zu denen ich zu unterschiedlichen Zeiten meines Lebens gekommen bin.

Vor zehn Jahren trat ich das Amt des Präsidenten an. Im Rennen um dieses Amt habe ich noch einmal gesiegt, und in fünf Tagen werde ich dieses Amt verlassen. Während dieser zehn Jahre habe ich die internationale Isolierung Kroatiens überwunden, das Land in die NATO und vor die Tür der Europäischen Union gebracht und es als einen aufrichtigen Vorkämpfer für die regionale Zusammenarbeit und einen aktiven Faktor der Weltpolitik profiliert.

In diesen zehn Jahren kam ich zu einer weiteren Erkenntnis: Ein Amt, und sei es auch das höchste, macht keinen Menschen. Wenn man dem Sirenengesang der Macht unterliegt, dann ist der Mensch auf dem besten Weg aufzuhören, Mensch zu sein, und nach dem Ausscheiden aus dem Amt, völlig zu vereinsamen.

Seit dem 19. Februar werde ich, im Einklang mit dem kroatischen Gesetz und der Praxis vieler anderer Länder, im Amt des Altpräsidenten tätig sein. Und dort werde ich, davon bin ich überzeugt, weder allein noch einsam sein.

Ich habe Ihnen also einen Überblick über mein Leben gegeben, um Ihnen die Eckpfeiler meiner Gesinnung näher zu bringen: ich war und bleibe Antifaschist; ich war und bleibe Verfechter des Fortschrittes, einschließlich des mutigen Beschreitens neuer Wege; ich bin den Menschen treu, die genauso wie ich dasselbe Ziel verfolgen, und solidarisiere mich mit ihnen; ich habe keine Angst und kalkuliere nicht, wenn ich überzeugt bin, dass mein Ziel richtig ist; ich bin ein aufrichtiger Verfechter von Toleranz und der Akzeptanz von Verschiedenheit, sowie der Verfolgung jener, die dagegen arbeiten, insbesondere der Kriegsverbrecher. Und – letztendlich – ich war und bin mein ganzes Leben lang so geblieben, wie ich bin: ernsthaft, gründlich und bedacht in dem, was ich tue, zu Scherzen und Gelassenheit bereit, wenn ich nicht arbeite, mit einem Einfühlungsvermögen für Not, wo immer und wem immer sie passieren mag, und vor allem: ein Verfechter der Wahrheit.

Ich war und bleibe Politiker, manch einer nennt mich schmeichlerisch einen Staatsmann, vor allem aber war ich, bin ich und bleibe ich – Mensch.

Vielen Dank für Ihr aufmerksames Zuhören!

Quelle: Office of the President of the Republic of Croatia

4 Kommentare zu “Rede des kroatischen Staatspräsidenten Stjepan Mesić in Berlin”

  1. hajobeu

    Tja, das ist wirklich schade, daß dieser aufrechte Demokrat das Zentrum der politischen Bühne verlassen muß. Hoffentlich hat sein Nachfolger auch nur ein wenig von seiner Größe.

  2. gastarbeiter

    vielen dank für diesen Beitrag!
    Sehr interesant.

  3. pasic

    Danke Soline! … sehr interessant
    was ich aber nicht verstehe, … warum hatte ich einen ganz anderen Eindruck von Stipe Mesic während seiner Amtszeit?
    Durch diese Rede wirkt er geradezu sympatisch, tolerant, politisch kompetent und kann sich angemessen ausdrücken!
    Da habe ich mich wohl geirrt :-)
    … oder ist vielleicht die Übersetzung so gut?

  4. istra

    Die Rede mag in Teilen wahr sein, ist aber insgesamt eine Selbstbeweihräucherung der Sonderklasse. Wer so redet, scheint es nötig zu haben. Politiker mit solchen wunderschönen Aussagen über sich selber gelten in Europa automatisch als unglaubwürdig. Es ist unfassbar, dass er so eine Rede absondern konnte. Die Geschichte wird uns lehren, wer er wirklich war.

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