Die Atomkraft ist gescheitert…

Unter diesem Titel meinte unlängst der amerikanische Wissenschaftler und Fan Europas Jeremy Rifkin: “Das Atomzeitalter geht dem Ende zu. … In Wirklichkeit steuert Atomkraft nur sechs Prozent zum globalen Energiemix bei. Um auch nur einen marginalen Einfluss auf den Klimawandel zu haben müsste sie mindestens 20% des weltweiten Energieverbrauchs decken.” Und das ist glücklicherweise wirklich nicht vorgesehen. Und so meint Jeremy Rifkin: “Es ist am der Zeit, diese alte, gescheiterte Technologie zu überwinden und zu einer Ära erneuerbarer Energien überzugehen.”

Das ist genau die Richtung, die wir einschlagen müssen. Aber wir sollen uns keine Illusion machen, es wird ein langer und mühsamer Weg und es wird nicht ohne scharfe Auseinandersetzungen abgehen. Denn die von Rifkin global angegebenen Zahlen hinsichtlich des Energiemix sehen im Detail anders aus. Bleiben wir in Europa. Eine knappe Mehrheit der EU Mitgliedsländer verwendet die Atomenergie. Der Höchstwert liegt in Frankreich mit etwa 75% der Stromproduktion, gefolgt von Litauen mit 73%. Belgien und Slowakei haben einen Anteil von über 50% der Kernenergie und in Schweden liegt er über 40%. Darüber hinaus sind etliche Kraftwerke in Bau bzw. in Planung. Es wird daher nicht leicht sein den Rückwärtsgang einzulegen, noch dazu wo die Wahl des Energiemix eine autonome nationale Entscheidung ist. Im Übrigen gibt es auch in unmittelbarer Nachbarschaft Atomkraftwerke, so in der Schweiz und der Ukraine, und Weißrussland plant eines. Angesichts dieser Verhältnisse ist die Atomkraft noch nicht gescheitert!

Insbesondere nach der Nuklearkatastrophe ist ein neuer Anlauf zu nehmen, um den Ausstieg aus der Kernenergie zu forcieren und vorzubereiten. Ich verstehe, dass viele Menschen in Österreich den Ausstieg aus dem Euratomvertrag fordern. Aber mit einem solchen Austritt Österreichs gäbe es kein Atomkraftwerk weniger aber eine atomkritische Stimme weniger im Euratomvertrag und damit eine Stimme weniger die, die höchstmögliche Kernenergie Sicherheit fordert. Und angesichts der oben angeführten Zahlen müssen wir eine Doppelstrategie fahren: höchst mögliche Sicherheit und Ausstieg!

Für die Skeptiker und Gegner der Kernenergie ist die Katastrophe von Fukushima eine Bestätigung ihrer Haltung und Wasser auf ihre Mühlen. Aber was ist mit den Anhängern der Kernenergie. Ja es gibt einige die einsichtig sind. So meinte der Chefredakteur der deutschen Wirtschaftszeitung “Handelsblatt”: ” Wir sind nicht das Opfer der Veränderung wir sind ihre Quelle. Die Komplexität der heutigen Welt ist Menschenwerk. Uran als Brennstoff war kein Gotteseinfall.” Und zusammenfassend meinte er: “Unsere Ängste waren immer größer als die Wirklichkeit. Aber das stimmt heute nicht mehr. Die Realität hat die Ängste überholt.”

Aber nicht alle haben diese Einsicht und viele wehren sich gegen eine grundsätzliche Kursänderung. Daher müssen wir die Sicherheitsanforderungen deutlich hinaufschrauben und auch die Lagerungs- und vor allem die Endlagerungsfrage neu und gründlich aufwerfen. Das ist das erste Gebot der Stunde. Die gerade auch von Österreich geforderten Stresstests sollen beiden Bereiche umfassen und verbindlich sein! Und vor allem sollten auch unsere Nachbarn mit denen wir enge Verbindungen haben miteinbeziehen vor allem die Schweiz und die Ukraine und hinsichtlich geplanter Kraftwerke auch die Türkei.

Die Untersuchung und Analyse der vielfältigen Sicherheitsfragen dient nicht nur der Verminderung des Risikos sondern auch einer fairen und transparenten Kostenberechnung. Denn Atomstrom ist vor allem deshalb so billig weil diese ungelösten Fragen und deren Kosten nicht bei den Preisberechnungen berücksichtigt sind. Sie werden auch von jenen mitgetragen, die mit der Kernenergie nichts am Hut haben. Werden nämlich diese Kosten berücksichtigt, wird die “Attraktivität“ der Kernenergie wesentlich geschmälert.

Solange Atomkraftwerke in Europa und in der übrigen Welt gebaut werden, müssen wir die Sicherheitsbedingungen für den Betrieb und für die verschiedenen Stufen der Lagerungen in die Höhe schrauben. Und da ist auch die Internationale Atomenergiebehörde in Wien gefragt. Auch sie muss Konsequenzen aus der Tragödie von Fukushima ziehen. Man weiß nie wie der Wind bei einem Unfall weht und wohin und wie weit die gesundheitsbedrohenden Schadstoffe verbreitet werden. Und diesbezüglich brauchen wir auch sicherlich europäische aber auch globale Regelungen der Haftung für unfallbedingte Schäden.

Mit der Zurückdrängung der Kernenergie und letztendlich dem Ausstieg ist es aber noch nicht getan. Wir müssen uns ja nach einem Ersatz umsehen. Nicht jedes Land hat die günstigen Voraussetzungen für die Wasserkraft wie Österreich. Aber auch wir müssen uns nach neuen Prioritäten umsehen bzw. die gewählten Strategien verstärken. An oberster Stelle steht die Erhöhung der Energieeffizienz. Hier muss es verbindliche Ziele geben, sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene. Europa ist hier bereits weltweit führend, aber wir müssen noch weitergehen.

Zweitens geht es um den Ausbau der Erneuerbaren. Sie sind nicht vom Export von endlichen Brennstoffen abhängig. Sie reduzieren also den CO2 Ausstoß und mindern die Belastung der Zahlungsbilanz und auch das Versorgungsrisiko. Aber die Hauptträger der Erneuerbaren, Wind und Sonne sind sehr volatil, das heißt sie garantieren keine kontinuierliche Stromproduktion. Wenn zu viel Strom erzeugt wird kann man die Pumpspeicherwerke heranziehen, um Wasser nach oben zu pumpen und wenn der Strom wieder gebraucht wird mit dem Wasser Turbinen antreiben. Aber das reicht nicht aus.

Wir brauchen auf absehbarer Zeit noch andere Energieträger und da kommen vor allem Gas und Kohle in Frage. Ersteres ist “sauberer” aber muss oft von politisch instabilen Ländern importiert werden. Und die Kohle muss vom Kohlendioxid “befreit” werden. Hier ist das sogenannte CCS entwickelt worden, also die Abscheidung und Lagerung des Kohlendioxids. Aber diese Lagerung zum Beispiel in alten Bergwerken stößt auch vielfach auf Skepsis und Widerstand. Jedenfalls ist der Ersatz der Kernenergie weder einfach noch billig, aber er ist dringend geboten und die Chance ist jetzt zu nutzen.

Wir brauchen aber sicherlich auch den Ausbau der Stromnetze, um den Strom, vor allem den aus Wind und Sonne gewonnenen Strom dorthin zu bringen, wo er gebraucht wird. Denn nur dezentrale erneuerbare Stromgewinnung wird nicht ausreichen. Vor allem wenn wir Projekte wie Stromgewinnung aus der Sonne in der Sahara (z.B. Desertec) verwirklichen, ist eine deutliche Ergänzung und Erweiterung der Übertragungsnetze notwendig. Aber allein den Strom aus den Windparks an der Nordsee in den Süden zu transportieren verlangt nach zusätzlichen Investitionen ins Netz.

In Österreich wurde immer wieder -zuletzt im Rahmen eines Volksbegehrens- der Ausstieg aus dem Euratomvertrag diskutiert. Abgesehen von der rechtlichen Frage ob man überhaupt aus diesem Vertrag aussteigen kann, würde ein solcher Ausstieg keines der Probleme der Kernenergie lösen. Aber als Land, das sich frühzeitig zur Energiepolitik ohne Atomkraft bekannt hat, sind wir sicher besonders befugt, auch europaweit für eine solche für viele Staaten neue Energiepolitik zu kämpfen. Der einseitig orientierte, Euratomvertrag, ein Kind der Nachkriegszeit sollte sicher aufgelöst werden und durch einen umfassenden Energievertrag mit neuen Prioritäten ersetzt werden.

Vor einiger Zeit hat eine Forschungsgruppe unter der Oberleitung von Jaques Delors einen Vorschlag zur Gründung einer Europäischen Energiegemeinschaft gemacht, die innerhalb der EU einen Schritt weitergehen sollte als im Vertrag von Lissabon angelegt. Dabei sollte vor allem die Entwicklung der Erneuerbaren, der Ausbau der Energienetze und eine gemeinsames Auftreten zum Beispiel bei Gaseinkäufen im Mittelpunkt der Aktivitäten dieser Energiegemeinschaft stehen. Am besten wäre es, der Vertrag zur Gründung der Energiegemeinschaft würde den Euratomvertrag ablösen und gleichzeitig zumindest neue Prioritäten setzen. Optimal wäre natürlich, der neue Vertrag und die Energiegemeinschaft würden den Ausstiegsprozess aus der Kernenergie zum Ziel haben.

Quelle: Newsletter Hannes Swoboda

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