Kroatische Fremdarbeiter in Deutschland

Der stellvertretende Ustaša-Führer Slavko Kvaternik, der schon kurz nach Beginn des Krieges gegen das Königreich Jugoslawien auf geheimen Wegen und mit Hilfe der italienischen Regierung aus Italien nach Zagreb gekommen war, hat sich dort geheim aufgehalten und aus seinem Versteck verfolgt, wie sich die Kriegssituation insbesondere in Kroatien entwickelt.

Nachdem deutsche Truppen am Morgen des 10.4.1941 die kroatische Landeshauptstadt Zagreb eingenommen hatten – was teilweise auch auf Zustimmung der Bevölkerung gestoßen ist, da man sich eine bessere Zukunft versprochen hatte –, kam es im Laufe des Tages dort zu einer ungewöhnlich wirren Situation. Die militärischen und zivilen Vertreter des deutschen Reiches haben dem Vorsitzenden der kroatischen Bauernpartei (HSS), Vladimir Maćek, der sich zu diesem Zeitpunkt in Zagreb aufhielt, angeboten, ein freies und selbständiges Kroatien auszurufen. Dieser lehnte das Angebot noch am gleichen Tag mit der Begründung ab, nicht mit einem faschistischen Staat (gemeint war das deutsche Reich) zusammenarbeiten zu wollen. Über diese Entscheidung kann man denken, wie man will, hatte er doch einen sehr großen Einfluss in der Bevölkerung und war sehr beliebt. Vorsichtig ausgedrückt: Dem Staat und der Bevölkerung wäre möglicherweise manches erspart geblieben, das sich in der nun folgenden Zeit bis 1945 und noch danach ereignet hat.

 

Kvaternik wusste die Situation geschickt für sich zu nutzen. Jedenfalls setzte er sich kurzer Hand an die Spitze einer Bewegung und hat am Abend des gleichen Tages über Radio Zagreb und in Zeitungen den “Unabhängigen Staat Kroatien” ausgerufen. Ob dieser Schritt damals mit Einwilligung der deutschen Vertreter erfolgte, kann bis heute bezweifelt werden, da auch die deutsche Reichsregierung vorher davon ausgegangen ist, dass es sich bei den in Italien im Exil lebenden Ustašas um eine wilde Bande gehandelt hat. Fest steht jedenfalls, dass sie gegen die Ausrufung nichts unternommen haben, was ihnen aufgrund der militärischen Lage durchaus möglich gewesen wäre.

Am 16.4.1941 hat der ebenfalls mit Hilfe der Italiener über Triest, Rijeka und Karlovac angereiste Führer der Ustašas, Dr. Ante Pavelić, kurzfristig die Regierung des „Unabhängigen Staates Kroatien“ (Nezavisna država Hrvatska, NDH) gebildet. Er war von den Vertretern des deutschen Reiches in Karlovac abgeholt worden und hatte von ihnen die Erlaubnis zur Bildung einer Regierung übernommen. Die nun den Staat beherrschende Ustaša hatte zunächst nur geringen Rückhalt in der Bevölkerung, weil sie so gut wie unbekannt war, mit Hilfe der Besatzungsmächte eingesetzt wurde, und ihre Machtergreifung nicht durch eine vorbereitende soziale Bewegung innerhalb von Kroatien zustande gekommen ist.

Wie damals vorgegangen wurde, kann man an folgendem erkennen: Unmittelbar nachdem der unabhängige Staat Kroatien ausgerufen war, hat die deutsche Reichsregierung damit begonnen, Männer und Frauen als sogenannte Fremdarbeiter anzuwerben, um den im Gebiet des Deutschen Reiches herrschenden Arbeitskräftemangel auszugleichen. Diese Aufrufe zur Arbeit in Deutschland wurden mit Hilfe der kroatischen Behörden noch bis in das kleinste Dorf plakatiert. Genaue Zahlen über die Anzahl derjenigen, die sich freiwillig gemeldet haben, liegen nicht vor, sie dürfte aber nicht unerheblich sein. Schätzungen gehen von über 200.000 Personen aus. Die erfolgreiche Anwerbung hatte wenig mit der politischen Einstellung zu tun, sondern mehr mit den wirtschaftlichen Verhältnissen in Kroatien selbst. Zu dieser Zeit bestand insbesondere in den ländlichen Gebieten eine Armut, die kaum vorstellbar ist.

Die Situation dieser Fremdarbeiter war in Deutschland, aufgrund der Kriegssituation, aber auch nicht viel besser. Konnten sie sich in ihrer Heimat auf den kargen Böden zumindest noch selbst ernähren, wurden sie nun teilweise in Arbeitslager verbracht, wo sie mit einer wesentlich schlechteren Ernährung auskommen mussten, als in ihrer Heimat. Aber auch als Fabrikarbeiter/rinnen sind sie tätig geworden. Sie waren zwar keine Gefangenen, konnten sich jedoch auch nicht frei bewegen. Es sind Fälle bekannt, in denen diese Fremdarbeiter erst dann eine Genehmigung erhielten, das Lager oder ihren Wohnsitz zu verlassen, wenn sie eine Rückfahrkarte der Eisenbahn vorweisen konnten, wollten sie einmal in andere Orte in Deutschland reisen. Zusätzlich mussten sie auch eine schriftliche Einladung desjenigen vorweisen, den sie evtl. besuchen wollten. Darin musste auch ausdrücklich bestätigt werden, dass für den Unterhalt für die Zeit des Aufenthaltes gesorgt wird.

Auch sind Fälle bekannt, in denen eine Genehmigung von den deutschen Behörden erteilt wurde, dass Fremdarbeiter in ihrer Heimat Urlaub machen konnten oder sogar wieder ganz in ihre Heimat zurückkehren durften. Hierbei handelte es sich aber überwiegend um Frauen. Wehrfähigen Männern wurde diese Genehmigung in der Regel verweigert.

Die Männer und Frauen, die während des Krieges oder nach dem 2. Weltkrieg in ihre Heimat zurückgekehrt sind, sind von den nun regierenden Kommunisten als Kollaborateure bezeichnet und dementsprechend behandelt worden. Um diesen Vorwürfen zu entgehen, haben sie ihre Unterlagen versteckt, die sie dann später oft nicht wiedergefunden haben. Es hätte ihnen auch nichts genutzt, wenn diese noch vorhanden gewesen wären, denn die deutsche oder die jugoslawischen, später kroatischen Regierungen, hatten kein Interesse daran, diesen Personenkreis zu entschädigen.

Um die Situation der kroatischen Fremdarbeiter in Deutschland deutlich zu machen, sei auf folgenden Bericht aus einer kleinen Bergbaugemeinde in der Nähe von Aachen verwiesen:

“Das hier erkennbare Übergangsmuster zwischen traditioneller Fremdarbeiterbeschäftigung und Zwangsarbeit wiederholte sich, als im Mai und Juni 1941 etwa 1.150 Arbeitskräfte aus dem deutschen Satellitenstaat Kroatien bzw. der damaligen kroatischen Provinz Bosnien von den Gruben des Wurmreviers eingestellt wurden. Josef Aretz beschreibt sie in einer lokalgeschichtlichen Monographie als buntes Völkergemisch, das teilweise mit Turban als Kopfbedeckung allmorgendlich in bewachten Kolonnen vom Ledigenheim des EBV (Bergbaubetriebes) zur Grube geführt wurde. Es ist ein Haufen des Jammers, der, in den ersten Tagen sogar ohne Schuhwerk, das Mitleid der Bevölkerung erweckt. Pakete mit Brot, Kleidung und Schuhwerk wurden zum großen Ärger der Bewacher aus den Fenstern in die vorbeiziehende Kolonne geworfen. Sie waren von den (deutschen) Werbestellen (in Kroatien) falsch über die Realität ihres .Arbeitseinsatzes informiert worden, woraufhin sie einem Bericht des stellvertretenden Kreisleiters Lehmann zufolge, im Juli 1941 streikten. Die im hiesigen Kreisgebiet eingesetzten Kroaten haben die Arbeit verweigert, da sie sich übervorteilt fühlten. Sie waren von den deutschen Werbern in ihrer Heimat für das Ruhrgebiet geworben worden mit einem Mindestlohn von RM 6,03. Durch eine Fehldisposition des Arbeitsamtes kamen sie in das Wurmkohlengebiet mit einem Lohn von RM. 5,54. Es wurde festgestellt, dass die Kroaten im Recht waren; deshalb wurde von schärferen Maßnahmen abgesehen. Sie werden umgeleitet zum Ruhrgebiet. Auswirkungen auf andere fremdländische Arbeiter sind bisher nicht zu bemerken gewesen. Der für die Beteiligten keinesfalls ungefährliche Streik erbrachte damit zumindest einen Teilerfolg. Ob es zu der angekündigten Verlegung ins Ruhrgebiet kam, muss allerdings bezweifelt werden, denn die Ausländerstatistik lässt lediglich einen allmählichen Rückgang erkennen, der bis zum Ende des Krieges andauert. In einem Einsatzlagebericht vom November 1941 berichtet das Landesarbeitsamt Rheinland außerdem von zahlreichen Fluchtfällen.“ (Quelle: Kohlscheider Bergwerke)

Den männlichen kroatischen Fremdarbeitern, die wieder aufgegriffen worden sind, was oft der Fall war, da sie keine Personaldokumente hatten, wurde Straffreiheit gewährt, wenn sie sich „freiwillig“ zur deutschen Wehrmacht meldeten. Sie wurden jedoch in der Regel nicht an die Ost- oder Westfront geschickt, sondern an der Heimatfront zur Fliegerabwehr in Flak-Stellungen eingesetzt. Erstaunlich ist die Tatsache, dass diese Soldaten selbst nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 bis September 1945 ihren Wehrsold noch erhalten haben. (Quelle: Ein im original vorliegender Wehrpass eines kroatischen Wehrmachtssoldaten)

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs war die Situation für diese Männer besonders schwierig, nachdem sie Deutschland verlassen und in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Sie wurden zwar nicht ebenso behandelt, wie die Personen, die an Ustašaverbrechen beteiligt waren. Dabei dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass sie illegal in ihre Heimat gereist sind und in ihren Heimatdörfern erst einmal untertauchen konnten. Für die Jahre, in denen sie in Deutschland gearbeitet oder für Deutschland im Krieg gekämpft haben, haben sie, im Gegensatz zu Fremdarbeitern oder Wehrmachtsangehörigen anderer Nationen, bis heute keine Entschädigung erhalten, geschweige denn, dass eine Hinterbliebenenrente an ihre Ehefrauen oder Kinder gezahlt worden wäre.

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